Yeziden

 

 

 
  

 

 

Yeziden
 Der Begriff Yezidentum (Yezidismus) bezeichnet eine ausschließlich unter den Kurden verbreitete Religion. Muttersprache der Yeziden kurd. (Êzidîtî) ist das nordkurdische Kurmanji. Den Begriff Yezid leiten einige Forscher von den persischen Vokabeln "yezdan" bzw. "ezdan" ab, die Schöpfer/Gott bedeuten. Andere verweisen auf Omajjadenkalif Yazid I. (Yazîd Ibn-Mu´âwiya 680-683), der für viele Muslime von negativer Bedeutung ist, da er mit dem Tod der Ali-Söhne Hussain und Hassan in Verbindung gebracht wurde. Sein Name wurde für Muslime zu einem Synonym für "Abtrünnige" der Lehre und für Minderheiten anderen Glaubens. Die Geschichte der Yeziden ist von daher erfüllt von Unterstellungen und Verfolgungen.
 
 Verbreitung
 Die Verbreitung der Yeziden innerhalb der kurdischen Verbreitungsgebiete sind - analog Kurdistans - in keinem eigenen Staat zusammengeschlossen, sondern verteilen sich auf den Irak, Syrien, die Türkei und den Iran – hier leben nur wenige Yeziden. Weiterhin siedeln Yeziden in den ehemaligen Sowjetstaaten Armenien und Georgien. Es gibt keine offizielle Zählung der Yeziden, ihre Gesamtzahl wird jedoch auf zwischen 300.000 und 800.000 Personen geschätzt. Die Yeziden stellen heute also eine religiöse Minderheit unter den mehrheitlich muslimischen Kurden dar.
 Das Hauptverbreitungsgebiet der Yeziden ist der Nordirak. Hier leben ca. 550.000 yezidische Gläubige, und hier befindet sich nicht allzu weit von Mosul entfernt Lalish , das religiöse Zentrum der Yeziden. Nahe bei Lalish residiert in Baadhra das weltliche und geistige Oberhaupt der Yeziden, der Mir, auch nach dem Distrikt Shaikhan Mire Shaikhan genannt.
 
 Yeziden in der Türkei
 In den letzten 30 Jahren haben die Yeziden in großen Auswanderungswellen die Türkei verlassen. Sie lebten überwiegend in Südostanatolien. Heute befindet sich die große Mehrheit der türkischen Yeziden in Europa. 423 leben laut der Volkszählung 2000 in der Türkei, Altersdurchschnitt etwa 50.
 
 Siedlungsgebiete & Kopfzahlen
 Türkei - insg. 22.632 423
 Batman 5.726 72
 Diyarbakir 1.356 9
 Mardin 9.243 87
 Urfa 6.307 255
 
 Lehre und Kosmologie
 
Die yezidische Religion ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln nach eigener Sicht weit vor dem Christentum liegen. In der Forschung werden verschiedene Elemente je nach Publikation erkannt - altbabylonischer Planetenkult, Sonnenverehrung eventuell aus der Mithras-Religion, Einflüsse des Zoroastrismus, jüdische (jüdische Speisegesetze), orientchristliche, besonders nestorianische (Eucharistie), islamische (Beschneidung, Fasten, Opfer), schiitisch-sufische (Taqiya, Inanspruchnahme vieler sufischer Scheiche als ihrer Heiligen), mandäische, manichäische, gnostische sowie regionale Einflüsse (Ahl-i Haqq und Sabbak). Viele Yeziden favorisieren heute selbst eine mindestens vorchristliche Herkunft ihrer Religion, etwa als Entwicklung aus dem Mithraismus, den Kulten der Meder oder dem Zoroastrismus.
 Noch im Mittelalter bekannten sich nach yezidischer Auffassung die meisten Kurden zum Yezidentum.
 Nach yezidischen Vorstellungen ist Gott allmächtig und erschuf die Welt. Er wäre schwach, wenn er noch eine zweite Kraft neben sich existieren lassen würde. Folglich fehlt in der yezidischen Theologie die Gestalt des Bösen. Die Yeziden sprechen den Namen des Bösen nicht aus, weil allein sein Aussprechen die Anzweiflung der Allmächtigkeit Gottes bedeuten würde. Damit einher geht auch die Vorstellung, dass der Mensch in erster Linie selbst verantwortlich für seine Taten ist. Aus yezidischer Sicht hat Gott dem Menschen die Möglichkeit gegeben, zu sehen, zu hören und zu denken. Er hat ihm den Verstand gegeben und damit die Möglichkeit, für sich den richtigen Weg zu finden.
 Die Yeziden glauben, dass das Leben nicht mit dem Tod endet, sondern dass es nach einer Seelenwanderung einen neuen Zustand erreicht. Der neue Zustand ist abhängig von den Taten im vorherigen Leben. In diesem Zusammenhang spielen der „Jenseitsbruder“ (biraye achrete) für einen Mann bzw. die „Jenseitsschwester“ (chucha achrete) für eine Frau eine wichtige Rolle für einen Yeziden / eine Yezidin. Unter den Mitgliedern der Glaubensgemeinschaft sucht man sich zu Lebzeiten einen Bruder bzw. eine Schwester für das Jenseits aus. Diese Wahlgeschwister übernehmen im Jenseits gegenseitig die moralische Mitverantwortung für ihre Taten, und in der Toten Zeremonie „begleiten“ sie den Verstorbenen / die Verstorbene auf dem Weg zur neuen Bestimmung. Nach den yezidischen Vorstellungen bestand die Verbindung der Jenseitsgeschwister bereits im vorherigen Leben und wird im künftigen Leben weiter bestehen.
 
 Taus-i-Melek
 Eine zentrale Bedeutung in den yezidischen Glaubensvorstellungen hat Taus-i Melek, der „Engel Pfau“, dessen Symbol – wie es der Name sagt – ein Pfau ist. Nach der yezidischen Mythologie hat er in besonderer Weise der Allmächtigkeit Gottes gehuldigt und wurde deshalb von Gott zum Oberhaupt der sieben Engel erkoren. Er nimmt eine Art Stellvertreterfunktion Gottes ein, wurde allerdings vorübergehend in die Hölle verbannt und dann wieder in die Gnade Gottes aufgenommen. So symbolisiert Taus-i-Melek in der yezidischen Theologie nicht das Böse und ist auch kein in Ungnade gefallener Engel.
 Nach der Schöpfungsgeschichte der Yeziden ist Taus-i-Melek, den Gott mit sechs weiteren Engeln aus seinem Licht schuf, an der gesamten Schöpfung, an dem göttlichen Plan, aktiv beteiligt. Folglich verkörpert Taus-i Melek nicht den Widerpart in einem dualen Weltbild, sondern ist der Beweis für die Einzigartigkeit Gottes.
 Die Figur des Taus-i Melek war ein Anlass für die Ablehnung sowohl durch Moslems als auch durch Christen. Wegen der vorübergehenden Verstoßung Taus-i Meleks wurden die Yeziden von beiden anderen Religionen als "Teufelsanbeter" bezeichnet. Die Bedeutung und die Stellung von Taus-i Melek innerhalb des yezidischen Glaubenssystems kann man nur dann verstehen, wenn man sich von der abrahamitischen Sichtweise löst: Die yezidische Vorstellung von Gut und Böse ist älter als die biblische und islamische Interpretation; eine Identifizierung mit dem gefallenen Engel ist daher verfehlt. Richtiger ist es, die Negierung des Bösen im Yezidentum als eigenständigen, altiranischen Glaubensansatz zu begreifen.
 
 Scheich Adi
 Eine zweite wichtige Gestalt für die Yeziden ist der als Reformer geltende Scheich Adi aus dem 11./12. Jahrhundert. In der Religionswissenschaft wird die These vertreten, er sei identisch mit dem susischen Mystiker Shaikh Adî Ibn-Musafîr (1075-1162), dessen Anhänger unter den Hakkari-Kurden den ’Adawîya-Orden ins Leben riefen, der sich schließlich inhaltlich so weit von der islamischen Orthodoxie entfernte, daß seine Verfolgung ausgerufen wurde.
 Scheich Adi ist für die Yeziden eine Inkarnation des Taus-i Melek, der kam, um das Yezidentum in einer schwierigen Zeit neu zu beleben. An seinem Grab in Lalish findet jedes Jahr vom 6.-13. Oktober das „Fest der Versammlung“ (Jashne Jimaiye) statt. Yeziden aller Gemeinden aus den Siedlungs- und Lebensgebieten kommen zu diesem Fest zusammen, um ihre Gemeinschaft und ihre Verbundenheit zu bekräftigen. Leider erschweren oder verhindern politische Umstände häufig die Pilgerfahrt nach Lalish, die eine Pflicht für jeden Yeziden ist. Aus Lalish bringen die Yeziden geweihte Erde mit, die mit dem heiligen Wasser der Quelle Zemzem zu festen Kügelchen geformt wurde. Sie gelten als „heilige Steine“ (Sing. berat) und spielen bei vielen religiösen Zeremonien eine wichtige Rolle.
 Nach yezidischer Auffassung kann ein Yezide ein guter Mensch sein, aber um ein guter Mensch zu sein, muss man nicht Yezide sein. Das heißt: das Yezidentum ist von vornherein tolerant gegenüber anderen Religionen. In einem Gebet der Yeziden heißt es: „Gott, schütze erst die 72 Völker und dann uns.“ Die Yeziden haben keine Berührungsängste mit anderen Religionsgemeinschaften. So ist z. B. das Verhältnis zwischen Yeziden und Christen sehr gut, eine Konsequenz aus der gemeinsamen Leidensgeschichte der Yeziden und Christen in den kurdischen Gebieten.
 
 Gesellschaft
 Die Yeziden sind eine religiöse Gemeinschaft ausschließlich unter den Kurden. Der yezidische Glauben ist nicht missionarisch.
 In ihren Heimatgebieten im Vorderen Orient waren und sind die Yeziden einer doppelten Verfolgung ausgesetzt: Einmal ethnisch als Kurden und zum anderen religiös, weil sie in den Augen fundamentalistischer Muslime als „Ungläubige“, „vom wahren Glauben Abgefallene“ gelten, die es entweder zu bekehren oder umzubringen gilt. Es wird von muslimischen Übergriffen auf die yezidische Bevölkerung berichtet. In ihren Heimatgebieten konnten die Yeziden bis vor kurzem nur öffentlich in Erscheinung treten, wenn sie ihre religiöse Identität verleugneten. In vielen Gebieten der Türkei ist dieses noch der Fall. Es finden strenge Kontrollen durch das türkische Militär statt, bei welchen es besser ist, sich nicht als Kurde bzw. Yezid zu outen.
 Bis heute ist auch Yezid ein in der Türkei und anderen Gebieten der Region übliches Schimpfwort, um jemanden verächtlich zu machen. Seit Jahrzehnten werden die Yeziden in der Türkei verfolgt und unterdrückt. Als Kurden erleiden sie das gleiche Minderheiten-Schicksal wie muslimische Kurden. Die Geburtsurkunden yezidischer Kinder werden bewusst falsch mit der Religionsbezeichnung "Islam" ausgestellt.
 In Armenien leben die Yeziden - zum größten Teil in mehrheitlich yezidischen Dörfern - ohne größere Probleme. Sie sind als eigenständige Volksgruppe anerkannt; in Personenstandsurkunden von Yeziden wird "yezidisch" als Volkszugehörigkeit eingetragen. Es gibt in Armenien auch Eheschließungen zwischen Yeziden und Angehörigen anderer Volksgruppen.
 Die heutige Situation der kurdischen Gebiete im Nordirak hat für die Yeziden zum ersten Mal die Möglichkeit mit sich gebracht, auch öffentlich in Erscheinung zu treten. Inwieweit diese in den letzten Jahrhunderten für die Yeziden außerordentliche Situation von Dauer sein wird, bleibt abzuwarten.
 Viele Yeziden sind aufgrund der politischen und religiösen Verfolgung durch den türkischen Staat nach Europa, v.a. nach Deutschland, aber auch Frankreich und Belgien geflohen. Der Großteil der Yeziden lebt heute in Deutschland. Die Anzahl der yezidisch-deutschen Heiraten und Partnerschaften nimmt zu. Zudem haben der Großteil der in Deutschland lebenden Yeziden die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen.
 
 Überlieferungen
 Das Yezidentum kennt keine verbindliche religiöse Schrift, wie es vergleichbar die Bibel für die Christen ist. Die Vermittlung religiöser Traditionen und Glaubensvorstellungen beruhte – bisher – ausschließlich auf mündlicher Überlieferung. In der Literatur über die Yeziden werden zwei Bücher erwähnt, das „Buch der Offenbarung“ (Kiteb-i Jilwe) und die „Schwarze Schrift“ (Meshef Resch). Von beiden Büchern sind lediglich Auszüge 1921 bekannt geworden, wobei man davon ausgehen kann, dass diese nicht in allen Teilen authentisch die Glaubensvorstellungen aller Yeziden wiedergeben. Sie gelten in der Religionswissenschaft als nachträgliche Aufzeichnungen - relativ zu der Gegenauffassung, etwa das Buch der Offenbarung sei von Scheich Adi selbst verfasst -, haben aber doch den Status heiliger Schriften. Schließlich stellen sie eine wichtige "Neuerung" für die yezidische Religion dar, war doch das Fehlen solcher Schriften einer der Gründe für die Verfolgungen im Islam. In der yezidischen Diaspora in Armenien, Georgien, Aserbaidschan, Syrien, USA und Deutschland hingegen ermöglicht die Verschriftlichung und Kodifizierung der ehemals mündlichen Traditionen den Erhalt der religiösen Identität.
 Der Glauben wird überwiegend durch Lieder (so genannte Qewals) und Bräuche weitergegeben. Genannt sei hier das Buch von Hilmi Abbas in deutscher Sprache, er schrieb einige der bisher nur mündlich überlieferten altkurdischen Legenden nieder, im Jahre 2003 erschien es in München unter dem Titel "Das ungeschriebene Buch der Kurden". Es stellt die Schöpfungsgeschichte aus yezidischer Sicht dar und die mythische Wanderung des Kurdischen Volkes von Osten in den Westen in das heutige Siedlungsgebiet
 
 Yeziden in Deutschland
 Mittlerweile leben Yeziden in nennenswerter Zahl auch in Deutschland. Die Repressionen trieben sie besonders in den 1980ern insbesondere aus der Türkei zur Flucht nach Deutschland.
 Der mit den Gegebenheiten vor Ort vertraute Orientalist Gernot Wießner der Universität Göttingen erwirkte mit einem Gutachten beim Verwaltungsgericht Stade 1982 die Anerkennung von Yeziden als Flüchtlinge, die sich 1993 bis zum Oberverwaltungsgericht Lüneburg allgemein durchgesetzt hat. Auf politischer Ebene bereitete 1989 Herbert Schnoor in seiner Amtszeit als Innenminister des Landes Nordrhein-Westfalen den Weg für ein Bleiberecht der Yeziden vor. Auch die Gesellschaft für bedrohte Völker, dessen Beiratsmitglied Prof. Wießner war, hat sich als Menschenrechtsorganisation für die Yeziden eingesetzt.
 In Deutschland leben etwa 35.000 - 40.000 Yeziden, vorwiegend in den Bundesländern Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, wo sie häufig größere Gemeinden bilden, insbesondere in Hannover, Oldenburg, Celle, Bielefeld, Halle (Westf.) und Kalkar.
 Feleknas Uca, die seit 1999 die PDS bzw. Linkspartei im Europaparlament vertritt, ist Yezidin.

 





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